Schicksal, Erinnerung und alternative Lebensentwürfe
Mittwoch, 9. September 2026 · dasgute.haus Butzbach
Zum zweiten Termin von „Welten zwischen Buchdeckeln“ widmeten wir uns dem Thema Literarische Lebenswege. Im Mittelpunkt standen zwei große literarische Romane, die vom Leben in bewegten Zeiten erzählen: von Entscheidungen, Zufällen, Verlusten, Erinnerung und der Frage, wie stark Menschen durch ihre Umgebung, ihre Geschichte und ihre Möglichkeiten geprägt werden.
Vorgestellt wurden Anthony Doerrs Alles Licht, das wir nicht sehen und Paul Austers 4 3 2 1. Beide Romane nähern sich auf unterschiedliche Weise der Frage, wie ein Leben verlaufen kann – zwischen äußerer Geschichte, persönlicher Wahrnehmung und den vielen Wegen, die möglich gewesen wären. Aus beiden Werken werden ausgewählte Passagen gelesen.
Vorgestellte Bücher
4 3 2 1
Autor: Paul Auster
Was wäre, wenn ein Leben nicht nur einen Verlauf hätte?
Paul Auster erzählt in 4 3 2 1 die Geschichte von Archie Ferguson – nicht einmal, sondern in vier möglichen Varianten. Aus denselben Anfängen entstehen unterschiedliche Lebenswege, geprägt von Zufall, Familie, Entscheidungen, Liebe, Verlust und der amerikanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Der Roman fragt, wie sehr ein Mensch durch äußere Umstände geformt wird – und wie viele Leben in einem einzigen Leben möglich gewesen wären.
Print: ISBN 978-3-4992-7113-7
E-Book: ISBN 978-3-6440-5011-2
Hörbuch: ISBN 978-3-9651-9467-0
Alles Licht, das wir nicht sehen
Autor: Anthony Doerr
Wie finden Menschen Licht in einer Zeit, die von Dunkelheit geprägt ist?
Anthony Doerrs Roman erzählt von zwei jungen Menschen im Zweiten Weltkrieg: einem blinden französischen Mädchen und einem deutschen Jungen, deren Wege sich auf unerwartete Weise berühren. Zwischen Krieg, Verlust, Erinnerung und Hoffnung entfaltet sich eine Geschichte über Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten.
Alles Licht, das wir nicht sehen verbindet historische Atmosphäre mit poetischer Sprache und zeigt, wie zerbrechlich und kostbar Wahrnehmung, Vertrauen und Mitgefühl sein können.
Print: ISBN 978-3-4427-4985-0
E-Book: ISBN 978-3-4066-6752-7
Hörbuch: verfügbar bei Audible oder als Hörspiel in 3 Teilen
in der ARD Mediathek.
Rückblick auf den Abend
Im Rahmen unserer zweiten Veranstaltung "Welten zwischen Buchdeckeln" ging es um das
Thema Lebensweg, Zufall und Schicksal.
Vorgestellt wurden zwei sehr unterschiedliche Werke: Paul Austers
2017 erschienener Roman "4 3 2 1" und Anthony Doerrs
2014 erschienenes Buch "Alles Licht was wir nicht sehen".
Einschätzung der vorgestellten Titel
4 3 2 1
Autor: Paul Auster
In Paul Austers 4 3 2 1 geht es um vier unterschiedliche Lebensversionen einer Person mit der zentralen Fragestellung, wie biografische Details, Begegnungen, wirtschaftliche Umstände, Zufälle und Unfälle einen Lebensverlauf verändern können. Gleichzeitig wird aber auch die Frage aufgeworfen, ob es etwas bleibendes, unabänderliches in einem Charakter geben könnte, egal, was dem Menschen im Leben widerfährt.
Dabei läuft in Austers Werk quasi als Hintergrundsrauschen - mal mehr und mal weniger mit dem Leben des Protagonisten verknüpft - amerikanische Zeitgeschichte der fünfziger und sechziger Jahre mit, beispielsweise die Studentenproteste, die Bürgerrechtsbewegung und der Vietnamkrieg.
Persönliche Einschätzung: 4 3 2 1 ist ein Buch, welches für Leser,
die sich von umfangreichen Formaten nicht abschrecken lassen, eine Fülle an
psychologischen, soziologischen und historischen Einsichten bietet. Geht es doch in
dem Buch im Grunde um die Frage, die sich die meisten Menschen schon einmal gestellt
haben:
Was wäre gewesen wenn.....
Alles Licht, das wir nicht sehen
Autor: Anthony Doerr
In Anthony Doerrs "Alles Licht was wir nicht sehen" werden in einzelnen kurzen Kapiteln, die abwechselnd und rückblickend erzählt werden, die Lebenswege dreier völlig unterschiedlicher Protagonisten aufeinander zu bewegt und miteinander verschlungen.
Ein blindes junges Mädchen, ein von den Nationalsozialisten aufgrund seines
Ausnahmetalents vereinnahmter deutscher Waisenjungen und ein todkranker
Wehrmachtsoffizier werden jeweils ein Stück weit auf ihren Lebenswege begleitet
und begegnen sich schließlich auf eine für alle Beteiligten schicksalhaften
Weise.
Auch hier wird Zeitgeschichte - hier der zweite Weltkrieg- immer mit erzählt.
Leitmotive des Buches sind die Erkenntnis, wie für das Auge nicht sichtbares
entscheidend für Lebensverläufe sein kann, die weitreichenden Bedeutung früher
Erinnerungen und das Spannungsfeld zwischen Anpassung, Gewissen und Schuld.
Persönliche Einschätzung: Dieses Buch empfiehlt sich vor allem
durch seine poetische Sprache und die sinnlichen Beschreibungen. Genauso wertvoll
sind aber die Denkanstöße, die vermittelt werden:
Die Andersartigkeit der Lebenswelt eines blinden Menschen, die Frage von Hoffnung,
Vertrauen und Mitgefühl in dunklen Zeiten und die Rolle von Mut und Verantwortung.
Ein Buch, welches sich durch die kurzen Kapiteln leicht lesen lässt und dennoch
prall gefüllt mit Denkanstößen ist.
Daten der Veranstaltung
Datum: 09.09.2026
Zeit: 19:00 Uhr